Bericht einer Teilnehmerin

“Wir sind nicht alle gleich, aber manche sind gleicher”

2011 hat sich FIFTITU% - Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in OÖ zum Ziel genommen das Thema Gleichstellung unter dem Motto “Wir sind nicht alle gleich, aber manche sind gleicher” in verschiedenen politischen und praktischen Kontexten zu erforschen. Den Auftakt machten im Frühjahr drei Veranstaltungen: Eine Intervention im Museum, ein philosophischer Vortrag und ein Workshop über Gleichstellungsziele im Bereich Kunst- und Kulturarbeit. Eine subjektive Rückschau auf das, was bisher geschah ...

Parallaxe im Museum

Ich bin nur eine von Vielen, hatte aber das Glück von FIFTITU% um einen Bericht zu den ersten Veranstaltungen gebeten zu werden. Ich mache mich auf den Weg ins Kunstmuseum Lentos; dort soll die erste Intervention zum Thema Gleichstellung, genauer: Barrierefreiheit, stattfinden. Ich frage mich, wer wohl teilnimmt und wer die Zielgruppe sein kann? Frauen aus dem näheren Kunst- und Kulturmilieu? Jene, die dem Thema ohnehin kritisch, wie sensibel gegenüberstehen? Oder ist das nun eine Fehleinschätzung, Größenwahn, ein benevolentes Vorurteil? Mit diesen Gedanken nähere ich mich dem Lentos Kunstmuseum und erblicke dort die üblichen verdächtigen Frauen. Der ersten Einladung sind nur Wenige gefolgt, trotzdem FIFTITU% schwierige Themen kritisch und mit Humor zerlegt, dekonstrukiert, reformuliert. Doch einen gesellschaftspolitischen Brennpunkt durchzukauen, zu drehen und zu wenden, ist und bleibt Arbeit. Denken kann weh tun. Seine Ideologien hintersichlassen, kann erschrecken. Seine Position hinterfragen, kann unangenehm sein. Und trotzdem tut man sich das an, weil man dem Ideal einer offenen Gesellschaft folgt, in der ein freier Zugang zu Ressourcen, Medien, öffentlichen Räumen und Architekturen möglich wird. Und das meint nicht die romantische Vorstellung von der blinden Kutscherin, die das Pferd in eine gerechte Welt führen will, sondern ist eine politische Vision... Vor dem Lentos stehen akkurat gereiht, die Rollstühle. An diesem Ort sieht das wie ein Kunstwerk aus. Aber sie sind für uns, für unseren Selbsttest. Wenn man erfahren will, was ein Leben mit Rollstuhl bedeutet, der kann den Selbsttest machen. Gesagt, getan. Die TeilnehmerInnen der Rediabled-Redaktion machen es vor, wir tun es ihnen gleich. Aufrollen im Museum. Das Lentos-Gebäude ist, was die Barrierefreiheit betrifft, schon etwas wie ein Vorzeigeprojekt. Trotzdem zeigt sich bald, was ein Leben mit Beeinträchtigung bedeuten kann. Warterei vor dem Lift, wir sind fast ein Duzend im Rollstuhl, das kann dauern. Die Museumswächterinnen sind sehr freundlich. Wirklich, sehr. Und wo man sonst zweibeinig elegant vorbeigleitet, herrscht im Rollstuhl auf einmal Enge vor. Plötzlich erscheint die Ausstellungsarchitektur irgendwie prekär. Es sind die scheinbaren Kleinigkeiten, die Personen, die sich ohne Rollstuhl im Raum bewegen, niemals nie auffallen würden, die aber in Summe für Menschen mit Beeinträchtigungen frustrierend sind. Durch den Selbsttest kommt es zu einer gewissen Sensibilisierung, man stellt Fragen in den Raum. Gibt es Saaltexte in Brailleschrift? Wird beeinträchtigten Menschen die Museumskunst verleidet und warum? FIFTITU% verwickelt die Kunstvermittlerin in eine Diskussion über Barrierefreiheit im Museum. Es gibt von Seiten des Hauses Interventionen um Gleichheit zu realisieren, doch die Zielgruppe pendelt sich auf einem niedrigen Niveau ein. Der Kosten-Nutzen-Rechnung folgend, bleiben die speziellen Adaptionen im Raum überschaubar. Zudem ist die Kommunikationsstruktur im Lentos eine hierarchische. Forderungen sollten von externer Seite an das Haus herangetragen werden, betont die Vermittlerin. Das Lentos bietet aber eine weitgehende barrierefreie Umgebung an, wie Audioguides und bei Bedarf einen Rollstuhl. Nach der Arte Povera-Ausstellung stellt sich die Gewissheit ein, dass erst durch den Dialog die Problematik der Marginalisierung in das allgemeine Bewußtsein gelangt. Für Institutionen und Vereine bleibt viel zu tun. Dabei dreht sich nicht alles um Architektur. Barrierefreiheit beinhaltet auch den Komplex Kommunikation und Information, den Zugang zum Internet, was mit unterstützenden Technologien verbunden ist. Allgemeine Informationen zu Barrierefreiheit können sich Interessierte vom Bundessozialamt, genauer bei ÖAR - Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation und den neun Landesstellen, einholen. Ganz unbürokratisch kann man sich auch beim Verein “Freiraum Europa” informieren.

Theorie – Kritik – Utopie

Nach der Praxis und dem Selbsttest im Rahmen der Intervention “Aufrollen” will FIFTITU% die theoretischen Aspekte von Gleichstellung diskutieren. Politische Theorie kann verfänglich sein. Die Philosophie ist da ihrem Ruf nach die exaktere Herangehensweise. Der Vortragsabend wird im Veranstaltungssaal der HOSI eröffnet. Die Philosophin Birge Krondorfer spricht über Gleichstellungsziele und Praxen. Zum Setting: Vor dem schwarzen Vorhang haben sich drei Frauen in Schwarz eingefunden um durch den Abend zu führen. Simone Boria, ihres Zeichens Vorstandsfrau bei FIFTITU%, moderiert in schwarzer Lackhose das Intro zum philosophischen Vortrag. Birge Krondorfer, die Denkerin, trägt verwaschenes Schwarz, die Brille sitzt tief, immer bereit für den Text. Ihr zur Seite, die Gebärdensprecherin, ebenso: in Schwarz. Nach der Moderation eröffnet Krondorfer ihren Vortrag mit dem Zweifel. Sie äußert sich zur Schwierigkeit sich dem Begriff Gleichstellung zu nähern. Willkommen im Reich der Philosophie. Hier geht es an die Substanz, an den Knochen von Wort, Kontext und Bedeutung.
Einerseits eröffnet Krondorfer mehrere Zugänge, wie man sich dem Thema nähern kann, andererseits stellt sie vieles in Abrede, was im sogenannten Common Sense oft vorschnell tradiert wird. Hinterfrägt man das Selbstverständliche, beginnen Konzepte manchmal zu wackeln. Das verhält sich beim Begriff Gendermainstreaming nicht anders. Krondorfer zerlegt das Wort Gendermainstreaming und zeigte dessen Grenze über die deutsche Sprache auf, umformuliert in Genderhauptflusspolitik. Das Problem der Vereinfachung eines komplexen Sachverhalts wird verdeutlicht. Gleichstellung? Krondorfer fragt: Wer stellt denn wen wohin? So einfach ist die Sache nicht, dass eine – falls es nur eine wäre! – Theorie der Gerechtigkeit einfach in die Lebenswelt implementiert werden könnte. Denkt man über Gleichheit nach, stellt sich das Problem, dass heterogene Lebensstile und gesellschaftliche Positionen existieren. Krondorfer eröffnet Wege, wie das Thema Gleichstellung erschlossen werden kann. Beispielsweise über rechtliche Rahmenbedingungen: diese sollen gewährleisten, dass der Zugang zu Geld, Zeit und Freiraum rechtlich abgesichert ist. Funktioniert noch immer schlecht. Die alte Forderung von “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit” wird meist nur am Internationalen Frauentag in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert. Was bleibt ist ein Unbehagen. Das Unbehagen ist ein Gefühl eines Individuums, das daraus resultiert, dass der/die/das Vereinzelte durch und in gesellschaftlichen Konstruktionen den Auswirkungen der Ungleichheit teilweise ausgeliefert ist. Machtlosigkeit. Hier gilt es die Politik im Kontext der Polis anzudenken und zu reanimieren. In der Demokratie hat man sich darauf geeinigt, das Gemeinsame gemeinsam zu verhandeln. Aber sind Gleichbehandlung und Gleichstellung nun Konzepte, die das gleiche meinen? Kann und soll man Menschen mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen gleich behandeln, und vor allem wie? Es zeigt sich, dass ein Dilemma in der Angleichung der Verscheidenartigkeit besteht. Konsenskultur, wie sie in der politischen Theorie der Postdemokratie formuliert wird, ist dabei nicht immer der beste Ratgeber. Konfliktkultur, im Sinne des ständigen Neuverhandelns von gemeinsamen, aber auch individuellen Positionen, ist zwar anstrengend, aber notwendig. Das bedeutet real eine überwältigende Komplexheit, die intrikat wie ein Labyrinth scheint. Zudem: Sisyphos läßt grüßen. Selbst-Korrektur und Neuverhandlung im Dauerlauf. Der Drive für den Kraftakt findet sich in der Utopie. Diese Utopie ist kein zusammengeschustertes Fantasieland, sondern meint ein gesellschaftspolitisch, gewaltfrei-anarchistisch geprägtes Ideal, dem man mittels Theorie und Kritik vielleicht entsprechen lernt.
Der Vortrag war die gute Gelegenheit für die Selbst/Reflexion, auch in der Gruppe – da kann man sich gegenseitig so schön die blinden Flecken vor Augen führen. Gleichheitspolitik, der Begriff rockt nicht. Aber die Auseinandersetzung damit erlaubt auch kleinen Kollektiven und Vereinen sicher die eine oder andere längst notwendige Kurskorrektur.
Nobody is perfect.

Unsichtbare Fallstricke

Unter dem Titel “Gleichstellungsziele als antidiskriminatorisches Werkzeug in der Kunst- und Kulturarbeit” hielt Araba Evelyn Johnston-Arthur einen Workshop in der HOSI. Auch hier: Begrifflichkeiten. Was ist Rassismus? Was Nationalismus? Wo liegen die Grenzen? Und was ist Ressentiment? Welche Altlasten und welche neuen Ungleichheiten transportieren wir im alltäglichen Sprachgebrauch? Vorurteil, Sprache, Kultur. Wie funktioniert Diskriminierung strukturell? Wie wirkt sich Macht aus und was macht Macht aus? Und warum bleibt sie in ihren vielfältigen Erscheinungen in ihrer Alltäglichkeit selbst dem kritischsten Geist oft verborgen? Strukturelle Gewalt bezeichnet ein Konzept, das den klassischen Gewaltbegriff umfassend erweitert hat und bereits 1969 von dem norwegischen Friedensforscher Johan Galtung formuliert wurde. Strukturelle Gewalt und Unterlassungssünden. Was wird einem Individuum warum verwehrt? Wo setzt Diskriminierung ein und wo fängt Ausbeutung an? So unterschiedlich die Lebenswelten sind, gibt es doch einige Handlungsanleitungen, an denen Verhältnisse und Strukturen genauer betrachtet werden können. Und zwar über die basalen Dimensionen Alter, Geschlecht, Arbeitskraft, Wohnort, ethnische Zugehörigkeit, etc. Über diese “Merkmale” passieren Ein- und Ausschlußmechanismen. Social Sorting. Die hierarchischen Strukturen und Machtgefälle der Gesellschaft tun ihr Übriges. Die Antwort: Bildet Gegenkulturen. Grassrootbewegungen wie es Galtung formulierte, bezeichnen die sogenannten Stimmen von unten. Im Bereich Medien spricht man von den Freien Medien und dem offenen Zugang. Die Gemeinschaft formuliert ihre eigenen Themen. Die Bandbreite ist groß. Die uniforme Gesellschaft eine Illusion. Ethnische Communities. Nachrichten von unten durch Obdachlosen-Zeitungen. Radio-Redaktionen von Menschen mit Beeinträchtigungen. Zentren von und für MigrantInnen. Beispiele von Vereinen und Kollektiven, die sich aus dem Bedürfnis ihre eigenen Agenden zum Thema zu machen, gebildet haben. Marginalisiert, versehentlich, aus Desinteresse oder Ignoranz. Wer überhört wird, muss für sich selbst sprechen. Die eigene Gestaltungsmacht. Macht ist positiv, wenn die Fallstricke bekannt sind. Die Liste der Möglichkeiten für kreative Interventionen und intelligente Verweigerungsstrategien ist lange. Es handelt sich um Methoden, die den Zugang, Ressourcen und Gleichbehandlung ermöglichen, in dem Möglichkeiten und Aktionspotentiale ausgelotet und probiert werden. Baut Rampen, sucht den Dialog, verweigert das N-Wort und macht kaputt, was euch kaputt macht. Niemand will strukturelle Gewalt fördern oder in die Rolle der Komplizenschaft geraten. Niemand will dem Trugschluß aufsitzen, für den eigenen Kulturverein eine Quotenmigrantin engagieren zu müssen. Lauterkeit. Wissen. Die Exklusivität im eigenen Milieu kennen. Das ist schon ein guter Anfang um dem Schlecht Einhalt zu gebieten.

Eine von Vielen

Foto: Petra Moser
Lentos Kunstmuseum: Michelangelo Pistoletto_Courtesy Kunstsammlung Liechtenstein Vaduz_VBK